Pressespiegel
08.09.2016, 07:03 Uhr
Russland-Embargo: Tiefpreise schlauchen Bauern
NWZ, Jürgen Schäfer, 8. September 2015
Der Kreisbauernverband hat große Sorgen: Die Milch- und Schweinepreise sind im Keller, die Trockenheit macht das Futter knapp. Von einer Tagung am Montag in Brüssel erhofft sich der Verband Hilfe.
Die Schweinehaltung im Kreis geht zurück - eine Reaktion auf die schlechten Preise. Auf dem Birkenhof von Familie Aichele in Bad Boll sind nur noch 650 von 900 Plätze belegt. Foto: Staufenpress

Die Situation auf den Höfen sei "durchaus als dramatisch zu bezeichnen", klagt der Kreisbauernverbandsvorsitzende und CDU-Bundestagsabgeordnete Hermann Färber. Überall gebe es Preiseinbrüche: Bei der Milch, beim Fleisch, beim Getreide, beim Obst, beim Raps. Beim Fleisch seien sie noch weit dramatischer als im Milchbereich. Die Märkte seien weltweit hart umkämpft, und der wichtige russische Markt sei weggebrochen, wegen des Embargos gegen Lebensmitteleinfuhren aus der EU. "Das trifft die Landwirtschaft sehr, sehr bitter", sagt Färber, "so war es schon im vergangenen Jahr."

Jetzt sei auch der chinesische Markt am Boden. Die Lager für Milchpulver im Reich der Mitte seien voll, die Wirtschaftskrise komme wohl hinzu. Färber schätzt, dass die Landwirtschaft die schlechteste Zeit seit der BSE-Kreise 2001 durchlebt - mit Folgen. "Kann sein, dass einer sagt: Er hört auf. Das Höfesterben geht weiter, weil der Preiskampf unvermindert bitter tobt. Ich weiß von vielen Betrieben, dass sie mit dem Rücken an der Wand stehen."

Schon vor dem Russland-Embargo ging es mit dem Preis für Schweinefleisch grad so, sagt Friedrich Aichele vom Familienbetrieb Aichele aus Bad Boll. Weil die Lebensmittel-Großabnehmer die Preise drückten. Jetzt dauere das Preistief schon anderthalb Jahre. "Eigentlich nicht mehr kostendeckend", sagt Aichele. Ein Kilopreis von 1,30 bis 1,50 Euro, nötig seien 1,80 Euro. Aicheles haben reagiert: sie produzieren weniger. Nur noch 650 der 900 Plätze im Stall sind belegt. "Wir fahren ein bisschen auf Sparflamme." Erlauben können sie sich das, weil sie breitbeinig aufgestellt seien.

Bei der Ferkelzucht war's noch schlimmer: Innerhalb von Wochen sei der Preis um 40 Prozent eingebrochen, verdeutlicht Färber. Sein Stellvertreter Wolfgang Daiber aus Holzhausen erläutert: Ein Preissturz von 55 auf 35 Euro, und auskömmlich seien die 55 auch nicht gewesen. Der Landwirt brauche 70, 80 Euro pro Ferkel. Daiber berichtet auch von einem "krassen Fall", als eine Lieferung Schweine gerade mal 85 Cent pro Kilo gebracht habe.

Die Milchbauern bekommen nur noch 28, 29 Cent für den Liter. Normal waren 39, 40 Cent, klagt Heinz Rieker aus Gammelshausen. Er denkt, dass das Russland-Embargo den Ausschlag für den Preissturz gegeben hat. Wie er darauf reagiert hat: "Weniger ausgeben", heißt seine Devise, und jetzt muss er auch mit dem Futter sorgsam umgehen. Denn ihm fehle das ganze Öhmd, die Sonne hat es auf den Böden verbrannt. Anderthalb Schnitte Grünland seien weg, klagt auch sein Kollege Erich Hieber aus Wäschenbeuren. Färber sagt sogar: "Bei Grünfutter fehlt 50 Prozent."

Ein Teil der Böden könne so verdorrt sein, dass man sie neu begrünen müsste, und solches Saatgut sei teuer. Je nachdem könne Regen auch noch Herbstfutter bringen, das aber den ersten Schnitt nicht ersetzen könne. Für Milchbauer Rieker heißt das: den Viehbestand soweit zu reduzieren, dass er mit dem Futter klarkommt. Wenigstens hat er noch eine gute Versorgung vom vergangenen Jahr.

Der schlechte Milchpreis wirft Rieker nicht um. Er hat einen gemischten Betrieb mit Obstbau und anderem. Gleichwohl macht ihm die Situation Sorgen. "Man kann gar nicht sagen, wie lange das dauert." Die Politik müsse es richten, mit der Agrarpolitik allgemein und dem Verhältnis zu Russland. "Ich hoffe, dass die Vernunft siegt."

Hoffen auf Brüssel und neue Absatzmärkte

Protest: Mit vier Bussen ist der Landesbauernverband am Montag nach Brüssel gefahren, um bei einem europaweiten Protest Hilfen für schlechte Marktpreise zu fordern. Der Kreisbauernvorsitzende Hermann Färber erhofft sich davon "ein bisschen was".

Ersatz: Färber erwartet von der Politik noch eine andere Lösung: Dass sie neue Märkte in Ländern erschließe, die jetzt Russland belieferten.

Anstieg: Die Milchproduktion steigt: Die USA, Australien und Neuseeland legen zu. Hierzulande ist die Milchquote gefallen, die Menge bisher aber nur geringfügig angestiegen. Für Landwirt Rieker aus Gammelshausen ist diese Abschaffung gleichwohl der größte Fehler: Jetzt bekomme man eine Milchschwemme.